Gras Ernte plus

Auch in diesem Jahr hat das Drohnenteam wieder Rehkitze auf unseren Mähflächen gesucht und gesichert.Die erste Grasernte im Jahr liefert die wichtigste Futtergrundlage für die Winterfütterung unserer Kühe.  Hier im Norden ist von Mitte bis Ende Mai der Zeitraum, in der das Gras die Qualität liefert, die wir zur Fütterung unserer Kühe benötigen.

Das Wetter bestimmt den Zeitpunkt der Ernte maßgeblich mit. Auch in diesem Jahr haben wir es gerade geschafft, zwischen Regentagen die notwendigen Sonnenstunden zum Mähen, Trocknen und Ernten zu bekommen. Für Bauern und Lohnunternehmer eine enorm stressige Zeit.

Seit einigen Jahren kommt noch ein Faktor hinzu – die Suche nach den neugeborenen Kitzen, welche die Rehe im hohen Gras ablegen. Denn egal ob Hunde am Kitz vorbei laufen oder wie dicht die Mähmaschine kommt – ein kleines Kitz wird liegen bleiben und in solch einem Fall vom Mähwerk erwischt werden.

Schrecklich für alle Beteiligten und nur zu verhindern, wenn die Flächen am Morgen vor der Mahd abgesucht und die Kitze gesichert werden. Nur zur Seite setzen reicht nicht, sie würden schnell wieder in die Fläche zurück laufen.

Seit einigen Jahren haben sich bei uns vor allem die Jäger mit anderen Interessierten zusammen getan und suchen für uns ehrenamtlich die Flächen mit einer Drohne ab. Sie haben schon viele Kitze retten können! Der Tag der Ernte ist für uns Bauern so stressig, dass gleichzeitige Kitzsuche kaum möglich. Zumal esie auch früh während der Melkzeit stattfinden muss. 

Daher an dieser Stelle ein echtes Dankeschön an unsere Ehrenamtler, die tagelang früh morgens suchen und die Kitze aus dem langen Gras holen!!! Denn der Landwirt ist dafür verantwortlich, dass keine Kitze angemäht werden. Der Jagdpächter sollte im Rahmen seiner Aufgaben der Hege dabei helfen.

Artikel top agrar

Soweit zum Tierschutz. Neuerdings gibt es eine Diskussion darüber, ob durch die Kitzrettung auch ein Beitrag zum Artenschutz geleistet wird. Der Ton im Artikel der SZ ist da alles andere als hilfreich. Die Fragestellung allerdings interessant – was hat der Wandel in der Landwirtschaft mit den Rehkitzen zu tun?

Die Art der Bewirtschaftung und Ernte auf unseren Grünlandflächen hat sich in den letzten 50 Jahren stark verändert. Früher wurde das Gras für die Rinder als Heu geerntet. Gerade hier im Norden kein einfaches Unterfangen, denn Heu muss über mehrere Tage trocknen können und bei sonnigem Wetter gepresst und eingefahren werden. Wird es zu feucht geerntet, müssen die Tiere nicht nur im Winter schimmeliges Futter fressen, sondern die Gefahr der Erhitzung und Brandes des Heus im Lager ist hoch.

Um wirklich gutes Heu zu ernten, wurde früher den ganzen Sommer über gemäht sobald das Wetter entsprechend günstig war. Täglich musste das Gras mehrfach gewendet werden. Heuernte bedeutet hohen Arbeitsaufwand. Mit der Einführung der Vergärung und Konservierung des Grases als Silage wurde das Wetterrisiko deutlich verringert.

Um hohe Inhaltstoffe im Futter zu erreichen, wird das Gras für Silage früher gemäht als es für Heu notwendig ist. Und damit wurde die Ernte in die Zeit verschoben, in der die Rehkitze noch so klein sind, dass sie nicht mit ihren Müttern vor den Mähwerken ausweichen können. Gleichzeitig haben sich die Erntemaschinen verändert. Sie sind deutlich größer geworden, können schneller fahren und nutzen eine andere Technik. In kurzer Zeit werden so mit hoher Schlagkraft große Flächen abgeerntet. Tiere verlieren quasi ihren Lebensraum. Dies wird noch dadurch verstärkt, dass immer weniger Grünland beweidet und immer mehr gemäht wird.

Durch den frühen Erntezeitpunkt kommen deutlich weniger Pflanzen in die Blüte. Der Pflanzenbestand ist recht einheitlich und besteht hauptsächlich aus wertvollen Futtergräsern. So wird Grünland oft ähnlich wie ein Acker bewirtschaftet.

In unserem System einer effizienten und wirtschaftlichen Milchviehhaltung sind wir auf sehr hochwertiges Futter vom Grünland angewiesen. Ein späterer Erntezeitpunkt passt nur sehr bedingt in dieses System. Zum Beispiel als Futter für die Jungrinder, nicht aber für die Milchkühe.

Wenn wir auf unserem Grünland echten Artenschutz betreiben wollen, dann müsste sich das ganze System ändern – mit erheblichen finanziellen Folgen für die Milchviehhalter. Ein erster und wichtiger Schritt zu mehr Artenvielfalt auf unserem Grünland und gleichzeitig ein echter Beitrag zu mehr Tierwohl ist die Wiederbelebung der Weidehaltung auf den Betrieben.

Autor: Kirsten Wosnitza

Milchbäuerin

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